"Ich war schon immer eine Leseratte"
Interview mit Gerit Bertram

Ramona und Thomas Roth-Berghofer: Liebe Iris Klockmann, lieber Peter
Hoeft, in diesem Herbst ist unter eurem Pseudonym Gerit Bertram euer
historischer Roman "Die Goldspinnerin" bei Blanvalet erschienen. Die
Geschichte spielt im Lübeck des ausgehenden 14. Jahrhunderts. Cristin
Bremer führt mit ihrem Mann Lukas eine florierende Werkstadt und ein
glückliches Familienleben - bis Lukas vergiftet und Cristin von der
eigenen Schwägerin der Hexerei bezichtigt wird. Die junge
Goldspinnerin wird lebendig begraben. Nur Baldo, der Sohn des Henkers,
glaubt an ihre Unschuld, rettet sie und flieht mit ihr aus der Stadt,
und so kann Cristin nach Lübeck zurückkehren, um die Mörder ihres
Mannes zu überführen und ihre Tochter wiederzufinden. Wie kamt ihr auf
die Idee zu diesem packenden Roman?

Peter Hoeft: Ich hatte diesen ungewöhnlichen Beruf gefunden, und
gleichzeitig hörte Iris durch einen Bekannten von einem Altstadthaus
in Lübeck, das im 14. Jahrhundert ein Armenhaus gewesen war.

Iris Klockmann: Genau. Das um 1400 betriebene Armenhaus, das in der
heutigen Dr. Julius-Leber-Straße in Lübeck steht, barg damals 30
Frauen und Kinder aus verschiedenen Schichten und Kulturkreisen. Ein
Aufpasser sorgte für Zucht und Ordnung. Archäologen haben ganze Berge
von "Schätzen" gefunden, die uns von dem Alltag dieser Menschen
erzählen. Als ich davon hörte, kribbelte es mir sofort in den
Fingerspitzen, und ich wusste, die Idee war geboren.


RRB/TRB: Wie geht ihr als Autorenpaar beim Schreiben vor?

PH: Zuerst wird gemeinsam der Plot erstellt und die Charakterisierung
der wichtigsten Personen ausgearbeitet. Dann beginnen wir an
unterschiedlichen Kapiteln zu schreiben. Abends schicken wir uns die
aktuelle Datei gegenseitig zu und verändern, ergänzen und formulieren
um, wenn nötig.

IK: Diese Planung ist natürlich wichtig, trotzdem geschieht vieles
intuitiv. Beispielsweise erarbeiten wir keine feste Kapitelaufteilung
oder teilen die Arbeit strikt unter uns auf. Wir besprechen uns
täglich, da werden schon mal ganze Kapitel oder Szenen geändert oder
sogar gelöscht, bis wir beide hundertprozentig zufrieden mit unserer
Arbeit sind.


RRB/TRB: Wie sah eure Recherchearbeit für "Die Goldspinnerin" aus? Wie
wir wissen, lebt und arbeitet Iris in Lübeck.

IK: Bisher hatte sich Peter meist um die Recherche gekümmert, doch da
unser Roman diesmal in meiner Heimatstadt spielen sollte, habe ich es
natürlich übernommen. Das war ungemein spannend, und ich habe so diese
wunderschöne Stadt noch einmal neu entdecken dürfen. Der Verein für
Lübecker Geschichte und Altertumskunde sowie das Archiv haben mir sehr
geholfen. Ich habe Museen besucht und immer wieder Rat bei Fachleuten
gesucht, die mir bereitwillig Auskunft gaben. Außerdem durfte ich in
einer Paramentenwerkstatt in Ratzeburg den Spinnerinnen und
Weberinnen, die noch nach alten Überlieferungen arbeiten, auf die
Finger schauen. Insgesamt sind Monate für die Recherche ins Land
gegangen, aber es hat mir auch unheimlich viel Spaß gemacht.


RRB/TRB: Wie umfangreich gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem
Lektorat des Blanvalet Verlags?

IK: Die Zusammenarbeit war von Anfang an sehr harmonisch und
konstruktiv. Wir haben das Glück, eine wunderbare Lektorin bekommen zu
haben, die mit Argusaugen auf unser Manuskript geschaut hat. Alle
Anmerkungen wurden Punkt für Punkt gemeinsam in drei
Telefonkonferenzen besprochen. Alles in einem haben wir ungefähr drei
Wochen für die Nachbesserungen gebraucht, nicht mehr.


RRB/TRB: Hattet ihr Einfluss auf die Titelwahl, die Wahl des
Buchcovers oder den Klappentext?

PH: Der Titel stammt von uns, das Cover wurde vom Verlag ausgewählt,
und wir sind immer noch ganz begeistert davon.

IK: Der Verlag hat uns vorweg nach unseren Vorstellungen für ein Cover
gefragt, tatsächlich wurden die hundertprozentig umgesetzt. Es ist
wirklich ein besonders schönes Cover geworden.


RRB/TRB: Wie kamt ihr zum Schreiben? Gab es Vorbilder oder ein
bestimmtes Schlüsselerlebnis?

PH: Wie jeder Autor habe ich immer schon viel gelesen, als Kind und
Jugendlicher von den deutschen Helden- und Rittersagen und den Büchern
Mark Twains bis Karl May und James Fenimore Cooper. Ich habe bereits
als Schüler geschrieben, auch damals schon zusammen mit einem Co-
Autor, meinem besten Freund. Dann folgten einige Jahre, in denen ich
nichts zu Papier gebracht habe, bis ich etwa 1981 eine Erzählung für
Jugendliche geschrieben und an einen Verlag geschickt habe. Das war
meine erste Buchveröffentlichung, auf die ein gutes Dutzend weitere in
Kleinverlagen folgten.

IK: Ich war schon immer eine Leseratte. Später habe ich mir immer
Geschichten ausgedacht und davon geträumt, sie eines Tages
aufzuschreiben. Als ich dann Mutter war, gingen mir schnell die
Gutenachtgeschichten für meine Töchter aus. Also habe ich einfach
welche erfunden. Meine Kinder waren es, die mich baten, sie
aufzuschreiben, damit sie die immer wieder lesen konnten. Wahnsinn,
das ist erst fünf Jahre her ...


RRB/TRB: Wie lange habt ihr an "Die Goldspinnerin" gearbeitet?

IK: Ein gutes Jahr etwa, zehn Monate fürs Schreiben selbst und
ungefähr drei zum Überarbeiten.


RRB/TRB: Wie kamt ihr auf euer gemeinsames Autoren-Pseudonym?

PH: Wir wollten gern einen Vornamen, den es sowohl in weiblicher als
auch in männlicher Form gibt. Der Nachname kam uns einfach in den
Sinn. So wurde Gerit Bertram geboren.


RRB/TRB: Wie sieht euer Schreiballtag neben euren Brotberufen, der
Familie und den Freunden aus?

PH: Ich gehe seit einigen Jahren keinem Brotberuf mehr nach, sondern
bin in der glücklichen Lage, mich tagsüber immer wieder dem Schreiben
widmen zu können, von der Familie mal abgesehen, die natürlich nicht
vernachlässigt werden will.

IK: Da ich Freiberuflerin bin, arbeite ich mehr oder weniger immer.
Ich versuche aber, mich an feste Schreibzeiten zu halten, nämlich von
circa vierzehn bis zwanzig Uhr. Wenn mir vorher eine Idee kommt, eine
schöne Formulierung, o. Ä., notiere ich es und verwende es dann später
beim Schreiben.


RRB/TRB: Ihr werdet von der "Verlagsagentur Lianne Kolf" vertreten.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit eurer Agentur aus?

PH: Sehr angenehm. Fragen unsererseits werden umgehend beantwortet,
alles ist transparent, Informationen werden sofort weitergegeben.

IK: Wir fühlen uns dort bestens aufgehoben. Die Zusammenarbeit ist
sehr nett, und wir sind sehr froh, von dieser Agentur vertreten zu
werden.


RRB/TRB: Was macht eurer Meinung nach einen guten Autor aus?

PH: Er schafft es, seine Leser so sehr zu fesseln, dass es diesen
schwerfällt, abends die Nachtschranklampe auszuschalten, weil sie sich
nicht von dem Buch losreißen können.

IK: Dem ist nichts hinzuzufügen.


RRB/TRB: Gibt es irgendein Genre, das euch neben dem historischen
Roman noch reizen würde?

PH: Wir können uns vorstellen, auch einmal einen Thriller zu
schreiben.

IK: Ja, das wäre schon eine Herausforderung, außerdem liebe ich ja
auch Fantasy. Im Moment fühlen wir uns in unserem Genre aber
pudelwohl.


RRB/TRB: Wie sehen eure Schreibpläne für die Zukunft aus?

PH: Unserer Agentur liegen zwei weitere Exposés für historische Romane
vor. Zurzeit schreiben wir an der Fortsetzung der Goldspinnerin.

IK: An Ideen mangelt es uns jedenfalls nicht. Schauen wir mal, was die
Zukunft uns bringt.


RRB/TRB: Hättet ihr noch einen Rat für angehende Autorinnen und
Autoren?

IK/PH: Wir tun uns schwer damit, anderen Ratschläge zu erteilen. Drei
Dinge gibt es unserer Meinung nach, die vorhanden sein müssen: Talent,
Disziplin (das besonders) und Geduld. Schreiben ist ein
zeitaufwendiger, meist einsamer Beruf, und niemand weiß, ob sich diese
Arbeit eines Tages bezahlt macht. Außerdem ist es wichtig, viel zu
lesen. Wir wissen nicht mehr, wer das sagte, aber es ist so wahr: Wenn
du glaubst, als Autor reich zu werden, dann such dir lieber einen
anderen Beruf. Ja, und nicht zu vergessen, braucht man kompetente
Leute aus einer Agentur und einem Verlag, die an einen glauben und
einen unterstützen. Diese Portion Glück gehört einfach dazu.

RRB/TRB: Herzlichen Dank für das Interview!

IK/PH: Vielen Dank auch. Es hat uns viel Spaß gemacht. Alles Gute für
euch und den Tempest!